Leseprobe aus „Aus dem Tagebuch einer Toten - Die Briefe der Diotima”

Leseprobe

Kapitel 1

Bild 1 „Lebendig oder tot, nenns, wie du willst...”
Die Alkestis des Euripides


Vielleicht war jener Tag anders als die anderen. Ich erinnere mich. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, wie sich die Dinge, die sich damals scheinbar jenseits meiner Biographie abspielten, in sie hinein fügen würden. Deshalb bedaure ich nun - schaue ich zurück -, dass ich nicht schon zuvor Tagebuchnotizen schrieb. Sicherlich würde es mir jetzt leichter fallen, zu dokumentieren. Die letzten Ereignisse zwingen mich nun, aufzuarbeiten. Ich bin ein anderer Mensch geworden seither. Es wird nicht einfach sein zu berichten. Ich will es versuchen.

Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass manchen Menschen in meinem Umfeld mein Beruf, Reporter zu sein, als etwas Besonderes erschien. Ich erinnere mich daran, dass ich ganz zu Anfang Ähnliches dachte. Inzwischen waren aber die Anlässe, Berichte zu erstatten und Interviews zu führen, Routine für mich, wie auch für meine Kollegen. Ich bereitete mich nur kurzfristig und manchmal auch gar nicht auf die Ereignisse vor. Sie wurden entweder über den Terminkalender oder das Telefon angekündigt; dies gab dann vor, ob ein Thema zu bearbeiten war oder ob es um eine spontane Vor-Ort-Präsenz ging. Jedenfalls entsprachen meine Erfahrungen nach langjähriger regionaler Berichterstattung bei einer Zeitung mit bescheidener Auflage längst nicht mehr meinen jugendlichen Phantasien über diesen Beruf.

Vielleicht war es nichts anderes, als dass ich nun in meine Midlife-Krise kam; so dachte ich anfänglich. Ich war zu dieser Unfallstelle gefahren, wie viele Male zuvor zu irgendeiner, auf die ich mich während der Wegstrecke dorthin mental einstellte. Aufwühlende Szenen, Tränen, Entsetzen oder Verwirrung mochten mich da oder dort erwarten. Manches Mal musste ich tief durchatmen. Zum Denken blieb keine Zeit. Es galt zu arbeiten. Es war mein Job, objektiv und aus dem notwendigen Abstand zu berichten, was vorgefallen war.

Natürlich – wie könnte es anders sein? – gingen mir die Schicksale nach, die mich streiften, aber spätestens nach drei Tagen war der Zug meiner eigenen beruflichen Ereignisse schon wieder auf anderen Gleisen. Das Ziel von heute gab das Ziel von morgen vor: mit erhöhter Geschwindigkeit und noch mehr Geschichten im Gepäck präsent zu sein. Es ging weiter, weiter, weiter. Für einen Rückblick – wo befand ich mich gestern? - war keine Zeit.

Ich? – Wer war denn ich?

Das Klingeln des Telefons oder die dpa-Mitteilungen kamen dem schrillen Pfiff eines anfahrenden Zuges gleich, auf den es aufzuspringen galt. So fuhr ich auch diesmal zu diesem Unglücksort. Es war unserer Redaktion ein tragischer Unfall auf der Autobahn gemeldet worden. Die Polizei hatte das Protokoll zum Geschehen inzwischen schon aufgenommen. Als ich eintraf, wurde die Tote gerade in den Leichenwagen geschoben. Die Informationen zur Berichterstattung vor Ort waren dieselben wie die, die ich mir vom Polizeirevier hätte abholen können. Die Feuerwehr hatte den größten Teil der Fahrbahn inzwischen gereinigt. Man gab den angestauten Verkehr allmählich wieder frei. Bald würde alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen.

Ich notierte für die Pressemitteilung:

LKW-Fahrer prallte auf dem Seitenstreifen der A7 auf einen stehenden PKW. Die 40-jährige Fahrerin befand sich zurzeit gerade außerhalb ihres Wagens, um die auf ihrem Gepäckträger befestigten Türen zu überprüfen. Sie wurde mitsamt ihrem Citroën von dem Laster erfasst und war auf der Stelle tot. Der Fahrer war am Steuer eingeschlafen und auf die Seitenspur geraten. Er wurde mit einem schweren Schock ins Krankenhaus eingeliefert.

Bevor alles geräumt sein würde, sprang ich noch kurz die Böschung hinunter, um mich eines gewissen Bedürfnisses zu entledigen. Dabei fiel mein Blick einige Meter weiter auf ein rot-eingebundenes Buch mit Goldrand. Es lag am Knick, als sei dieser sein Buchhalter. Der Wind spielte darin und blätterte Seite um Seite, mal links, mal rechts herum. Das erweckte meine Neugier. Ich ging sofort dorthin. Es war offensichtlich ein Manuskript. Es war mit blass grüner Tinte geschrieben.
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„Ich glaube, die Götter erlauben sich Scherze mit mir.“

Dies war der erste Satz, den ich aus einer der aufgeschlagenen Seiten las. Hatte nicht Hölderlin seinerzeit dasselbe gesagt? Ich erinnerte mich sofort an meine Schulzeit. Mein Lehrer Sedlmeier hatte uns die Geschichte mit dem Kirschbaum erzählt. In seinem Wipfel saßen Hölderlin und sein Freund Sinclair. Der Dichter erzählte von der exzentrischen Bahn, die er zu leben glaubte. Sinclair bemerkte, dass er seinen Freund wohl für immer verloren habe. Hölderlins Geist erschien ihm verrückt. Sedlmeier hatte die Art zu erzählen, die man nicht vergaß. Vielleicht starrte ich nun deshalb, - ich weiß nicht, wie lange - wie ein ungläubiger Schüler diesen einen Satz an: „Ich glaube, die Götter erlauben sich Scherze mit mir.“

Ich sah eine ungewöhnliche Handschrift. In Majuskeln war auf der ersten Seite der Name “Susette d’Argont” geschrieben. Dieser Name erschien in einer Präzision, wie ich nie zuvor eine Handschrift gesehen hatte. Wie gestochen jeder Buchstabe in seiner Ausrichtung... - ich glaube, die Feinanalyse irgendeiner technischen Vorrichtung hätte nicht die kleinste Abweichung von Ober- oder Unterlinie gezeigt und nicht eine Abweichung in einem Buchstaben vom anderen. Welch ein Mensch drückte sich in einer solchen Handschrift aus?

Ein Hupen holte mich wie aus einem Traum in die Wirklichkeit zurück. Natürlich! Der Seitenstreifen musste jetzt gänzlich wieder freigegeben werden. Ich schlug dieses Buch zu – unter Erschrecken und Faszination - verstaute es unter meinem Janker, kehrte zu der Unfallstelle auf die Fahrbahn zurück und fuhr kurz später zu meiner Dienststelle weiter, um den Rest des Arbeitstages abzuarbeiten, als sei mir selbst nichts geschehen...

Danach aber hatte ich nichts anderes im Sinn, als nach Hause zu kommen, um das Manuskript lesen zu können. In meinem Protokoll zum Unfallgeschehen erwähnte ich jedenfalls nicht, dass ich etwas abseits vom Unglücksort ein Tagebuch gefunden hatte, welches das Tagebuch einer nun Toten war. Jedenfalls glaubte ich das. Ehrlich gestanden, wusste ich von diesem Moment an nicht mehr so genau, wie wirklich die Wirklichkeit ist, und worüber wir reden, wenn wir annehmen, wir redeten von ihr.

Zuhause angekommen, zündete ich in Gedenken an die Tote und die trauernde Familie eine Kerze an. Was tat ich da? Wenn ich nie wunderliche Verhaltensweisen an mir bewusst wahrgenommen hatte, so jetzt diese! Das hier war nicht meine Art. Kerzenanzünden war etwas, das Frauen taten, wenn sie sentimental gestimmt waren oder das Heim für eine gemütliche Stunde präparierten. Diese Kerze, die ich nun anzündete, hatte schon Staub in ihrer Wachsmulde angesammelt. Ich lebte auf Durchzug, der blies noch jede Kerze aus, nein: da zündete niemand eine an! Aber heute, heute sollte es anders sein. Ich begann im Tagebuch zu lesen. Die erste Seite zeigte, in Schönschrift geschrieben, ein Zitat:

“Non coerceri maximo
contineri minimo
divinum est.”

Es kam mir irgendwie aus dem Lateinunterricht bekannt vor. Ich unternahm dreimal einen Versuch, bis ich imstande war, es mithilfe meiner Erinnerungen aus dem Schulunterricht zu übersetzen. Auf Deutsch las es sich folgendermaßen:

„Nicht vom Größten sich bezwingen zu lassen,
sondern sich mit dem Kleinsten zu begnügen, ist göttlich“
… weiter geht`s im Buch